Georgi Kapriev
Zusammenfassung:

Die Hauptthese des Projekts, dessen Teil diese Studie darstellt, lautet, dass die Palaiologenzeit keine neue Kulturstruktur entwickelte, sondern die im 11. und 12. Jahrhundert errichtete in einer neuen Situation fortführte. Es wird hier die Frage gestellt, inwieweit die kraft der neuen Situation des 13.-15. Jahrhunderts entstandenen Phänomene die Kulturstruktur durchmodifizierten und ob sie diese generell änderten.
Es wird angesichts der neuen Phänomene des „Kulturpatriotismus“ und des „Konservatismus“ nach Neuheiten gesucht, indem eine angeblich nebensächliche Streitfrage zum Betrachtungsgegenstand erwählt wird, nämlich die Frage nach der Stellung der Syllogistik in der theologischen Problematik und nach der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit eines apodiktischen Syllogismus in Rücksicht auf das Göttliche. Die neuen Lösungen, stellt sich fest, werden durch Angriff der authentisch aristotelischen Metaphysik durchgeführt, indem im Fall der byzantinischen Thomisten es um eine Anwendung der Transzendentalienlehre und im Fall des Gregorios Palamas und seiner worttreuen Anhänger um eine Anwendung der Energienlehre und der damit verbundenen Unterscheidung zwischen Sein, Wesenheit/Essenz und Existenz geht. Es geht also um einen Zusammenstoss zwischen zwei metaphysischen Programmen, die keine frühere Kulturpräsenz in dieser Form kannten. Die Logik wurde nun aufgrund der metaphysischen Basis verifiziert und erlangte erst als Bestandteil dieser Basis ihre Effizienz. Das Explizieren der metaphysischen Axiomatik im Bereich des Logischen ist allezeit ein sicheres Indiz für die Krise des Paradigmas.
Es wird indes festgestellt, dass die Anstrengungen sowohl der „Neuerer“ wie auch der „Konservativen“ auf eine Renovierung bzw. „Sanierung“ des etablierten Denk- und Kulturmodells und nicht auf seine Ersetzung abzielten. Symptomatisch in dieser Hinsicht ist die Tatsache, das die Abwehr gegen die „Neuerer“ (etwa bei Neilos Kabasilas), der sich gegen die „lateinische Art zu theologisieren“ richtete, weil er darin eine Gefahr für bestimmte Stützpunkte des Kulturmodells entdeckte, durch eine Rückkehr zur Situation verwirklicht wurde, die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts aktuell war.
Die byzantinischen Intellektueller der letzten eigentlich byzantinischen Periode suchten also Auswege aus der Krise durch Aufbau von immer neuen Projekten, die aber sich als Elemente des etablierten Kulturmodells von Byzanz fassten. Die Hektik dieser Überproduktion von Entwürfen im Rahmen des Paradigmas wird auch heute als eine kulturelle Blüte gedeutet, die man der sog. paläologischen Renaissance zuschreibt. Die nach Mitte des 11. Jahrhunderts geprägte Kulturgestalt galt dennoch bis zum Ende als konkurrenzlose Norm. Die Unmöglichkeit, ein der neuen Situation entsprechendes Kulturparadigma zu entwickeln, war das eigentliche geschichtliche Drama der byzantinische Kultur, das es letztendlich zu ihrem Zusammenbruch führte.
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